Tagfalter

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Aktuelle Nachweise von Nymphalis xanthomelas ([Denis & Schiffermüller], 1775) in Bayern. Mitgeteilt von Thomas Netter, Walter Mark & Oliver Böck am 23.03.2021

Erstmals seit über 100 Jahren wurde der Östliche Große Fuchs (Nymphalis xanthomelas) wieder in Bayern nachgewiesen. Wie Recherchen für das Online-Portal „Tagfalter in Bayern“ ergaben, konnte W. Mark in den Jahren 2015 und 2019 vier unterschiedliche Individuen dieses seltenen Einwanderers fotografisch dokumentieren. Alle Beobachtungen wurden am Rande der rund 200 ha großen Mainauen nordwestlich von Niedernberg bei Aschaffenburg gemacht. Die Fundstellen befanden sich am langgestreckten süd- bis westexponierten Waldrand und auf den breiten Waldwegen des unmittelbar angrenzenden, lichten Laubmischwald-Areals.
Die ersten beiden Exemplare von Nymphalis xanthomelas fotografierte W. Mark bereits am 05. April 2015. Wenige Tage später am 12. April 2015 fand er an nahezu identischer Fundstelle ein weiteres Exemplar dieser Art. Damit wurden binnen weniger Tage drei unterschiedliche Individuen in den Mainauen bei Niedernberg dokumentiert.

  
Exemplar 1: 05. April 2015

Exemplar 2: 05. April 2015

Exemplar 3: 12. April 2015

Original-Fundorte von allen vier Exemplaren, Aufnahmedatum. 21. März 2021
Alle Fotos: Walter Mark

Alle bisher erbrachten Nachweise aus Bayern waren sehr verstreute Einzelfunde überwiegend aus dem 19. Jahrhundert. Sie stammen aus dem südbayrischen Raum von Starnberg, dem Deininger Filz bei München und der Augsburger Umgebung (Osthelder 1925). In Nordbayern wurde die Art am 17. Juli 1895 bei Schmerlenbach im Spessart beobachtet (Gotthardt 1958). Im Morsbacher Tal in der Südlichen Frankenalb entdeckte M. Krämer Ende Juni 1902 ein Raupennest, das den bisher letzten dokumentierten xanthomelas-Nachweis für Bayern darstellt (Krämer 1911, Bräu et al. 2013).
Im Sommer 2014 fand als Folge einer Massenvermehrung in Russland eine verstärkte Zuwanderung von Nymphalis xanthomelas bis weit nach Mittel- und sogar Westeuropa statt. Obwohl die Hauptwanderroute in einem breiten Streifen quer durch den nord- und mitteldeutschen Raum verlief, wählten einige Exemplare doch etwas südlichere Routenverläufe und erreichten somit unter anderem auch Teile Nordwest-Bayerns. Die Verbreitungskarte in Reinhardt et al. (2020) gibt die aktuellen Nachweise in Deutschland sehr anschaulich wieder.
Dass sich die eingewanderten Tiere auch fortgepflanzt haben, belegt ein Nachweis von G. Lintzmeyer mit 20 Raupen am 10. Juni 2015 im Zeitzer Forst (Hensle & Seizmair 2016). Auch aus dem Drömling im östlichen Niedersachsen ist seit 2017 eine isolierte, reproduzierende Population bekannt, die sehr wahrscheinlich auch auf das Einflugereignis von 2014 zurückzuführen ist. Funde von Eigelegen und Raupennestern gelangen dort in großräumigen niedermoorartigen Bruchwaldstrukturen mit einer reichhaltigen Strauchschicht und großen Vorkommen von Grauweide (Salix cinerea) und Ohrweide (Salix aurita), den dort nachgewiesenen Raupennahrungspflanzen (Rozicki & Mehlau 2018, 2019, eigene Beobachtung Böck 2020).
Ob sich auch in den Mainauen bei Niedernberg eine kleine, erfolgreich reproduzierende Population aus den 2014 eingewanderten Tieren aufgebaut hat, wurde bisher noch nicht näher untersucht. Die Vermutung liegt aber nahe, denn fast vier Jahre später, am 23. März 2019, beobachtete W. Mark an fast identischer Stelle erneut ein Exemplar von Nymphalis xanthomelas. Es handelte sich hierbei um ein gut erhaltenes Weibchen, das bei einer Fehlbalz mit einem Männchen von Nymphalis polychloros fotografiert werden konnte. Grundsätzlich kann aber auch eine Wiederbesiedlung des Gebiets im Sommer 2018 nicht ausgeschlossen werden, wenngleich dies als eher unwahrscheinlich anzusehen ist.

Exemplar 4: 23. März 2019, Fehlbalz eines ♀ von Nymphalis xanthomelas mit einem ♂ von Nymphalis polychloros. Fotos: Walter Mark

Den sicheren Nachweis, dass sich die Art auch in den Mainauen bei Niedernberg erfolgreich reproduziert, könnte eine gezielte Suche nach Präimaginalstadien erbringen. Dabei sollte auch das Dammfeld nordwestlich von Erlenbach und die lichten Waldbereiche nördlich des Sangenbachs am ehemaligen Standortübungsplatz Aschaffenburg miteinbezogen werden, da diese Gebiete ebenfalls potentielle Larvalhabitate beinhalten.

Literatur: Bräu, M., Bolz, R., Kolbeck, H., Nunner, A., Voith, J., Wolf, W. (2013): Tagfalter in Bayern. Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart. 784 S. Gotthardt, H. (1958): Verzeichnis der Großschmetterlinge Mainfrankens. Nachrichten des Naturwissenschaftlichen Museums der Stadt Aschaffenburg 61:1-75. Hensle, J., Seizmair, M. (2016): Wanderfalterbericht. Papilionidae, Pieridae, Nymphalidae, Lycaenidae und Hesperiidae 2015 (Lepidoptera, Rhopalocera). Atalanta 47(1-4):1-69. Krämer, M. (1911): Beiträge zur Lepidopterenfauna von Mittelfranken. Entomologische Rundschau 28:73-74, 85-86, 93-95. Osthelder, L. (1925): Die Schmetterlinge Südbayerns und der angrenzenden nördlichen Kalkalpen. Heft 1. Allgemeiner Teil, Tagfalter. Mitteilungen der Münchner Entomologischen Gesellschaft 15, Beilage, 166 S. Reinhardt, R., Harpke, A., Caspari, S., Dolek, M., Kühn, E., Musche, M., Trusch, R., Wiemers, M., Settele, J. (2020): Verbreitungsatlas der Tagfalter und Widderchen Deutschlands. Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart. 432 S. Rozicki, W., Mehlau, H. (2018): Nachweis einer selbsterhaltenden Population des Östlichen Großen Fuchses Nymphalis xanthomelas (Esper, 1781) im niedersächsischen Drömling bei Kaiserwinkel, Landkreis Gifhorn, Deutschland (Lepidoptera, Nymphalidae). Nachrichten des Entomologischen Vereins Apollo 39:1-16. Rozicki, W., Mehlau, H. (2019): Neues von der Population des Östlichen Großen Fuchses Nymphalis xanthomelas (Esper, 1781) im niedersächsischen Drömling bei Kaiserwinkel, Landkreis Gifhorn, Deutschland (Lepidoptera, Nymphalidae) im Jahr 2018. Nachrichten des Entomologischen Vereins Apollo 40:27-33. Zitiervorschlag: Netter, T., Mark, W., Böck, O. 2021: Aktuelle Nachweise von Nymphalis xanthomelas ([Denis & Schiffermüller], 1775) in Bayern. Faunistische Mitteilung, Arbeitsgemeinschaft bayerischer Entomologen, website abe-entomofaunistik.org [23.03.2021]. Anschriften der Verfasser: Thomas Netter, Oening C6, 92334 Berching. Walter Mark, Ilbenstr. 7, 63843 Niedernberg. Oliver Böck, Armbruststr. 27, 20257 Hamburg.